PARSEC Home Page

HYPERHIDROSE
(übermäßiges Schwitzen)

english - italiano - русский






© 1995 Dr. med. I. Tarfusser
    update April 1999



Übersicht

Schwitzen ist eine für die Regulierung der Körpertemperatur notwendige natürliche Körperfunktion. Die Schweißabsonderung wird durch einen Teil unseres vegetativen Nervensystems (das sympathische Nervensystem gesteuert. In manchen Personen (ungefär 1% der Bevölkerung) arbeitet dieses System auf einem zu hohen Niveau, weit höher als nötig wäre, um die Körpertemperatur konstant zu halten. Diese Störung wird als Hyperhidrose bezeichnet.

Einteilung und Ursachen

1. Hyperhidrose als Symptom einer Krankheit (sekundäre Hyperhidrose)
Bei einige Krankheitsbildern ist übermäßige Schweißsekretion ein Teilsymptom; im allgemeinen betrifft die Hyperhidrose dabei den ganzen Körper:

* Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) oder ähliche, seltenere Krankheiten des Hormonhaushalts
* Hormonbehandlung eines Prostatakrebses oder anderer bösartiger Erkrankungen
* Schwere psychiatrische Leiden
* Fettsucht
* Hitzewallungen im Klimakterium
 
2. Hyperhidrose ohne bekannte Ursachen (=primäre oder essentielle Hyperhidrose)
Es handelt sich dabei um eine weit häufigere Form als die sekundäre Hyperhidrose. Sie beginnt im allgemeinen in der Pubertät und hält das ganze Leben lang an. Nervosität und Aufregung können sind oft auslösende Faktoren, ohne daß dabei eine psychische Störung vorliegt. Im Falle von Patienten mit psychiatrischen Leiden kann jedoch, bei gleichzeitigem Vorliegen einer Hyperhidrose, dieses Symptom die psychische Instabilität zusätzlich verschlimmern.

Erscheinungsbild der primären Hyperhidrose

Palmare Hyperhidrose (Handschweiß)
Übernäßiger Handschweiß ist die weitaus unangenehmste und folgenreichste Form der Hyperhidrose. Die Hände sind im täglichen Leben, sowohl im sozialen als auch im beruflichen Bereich, für wichtige Funktionen zuständig und dabei ausgesetzer als andere Körperteile. Viele Personen mit diesem Leiden sind in ihrer Berufswahl eingeschränkt, haben Schwierigkeiten bei der Handhabung feuchtigkeitsempfindlicher Materialien (wie Papier, u. ä.) und scheuen sich, beim Gruß die Hand zu geben. Manche Patienten vermeiden sogar vollends persönlichen Kontakt mit anderen Menschen. Die überhöhte Schweißabsonderung variiert von Patient zu Patient und, beim gleichen Patienten, von Mal zu Mal. Sie kann von unangenehmer Feuchtigkeit bis zum profusen Abtropfen der Hände reichen. Bei den meisten Patienten werden die Hände bei Schweißattacken nicht nur naß, sondern auch kühl, im Extremfall mit weiß-bläulicher Verfärbung.
Axilläre Hyperhidrose (Schwitzen in den Achselhöhlen)
Auch diese Form der Hyperhidrose, oft kombiniert mit Handschweiß, kann sich bei Bildung großer nasser Flecken in der Kleidung oder sogar ringförmiger Salzablagerungen sehr unangenehm bemerkbar machen.
Plantare Hyperhidrose (Fußschweiß)
Fußschweiß ist sehr häufig, bei den allermeisten Personen jedoch tritt dieses Phänomen bei Verwendung gut belüfteten Schuhwerks nur mäßig in Erscheinung. Als Hyperhidrose sollte man daher nur diejenigen Formen bezeichnen, wo der Schweiß auch ohne Fußbekleidung stark ausgeprägt ist oder die Schuhe binnen kurzer Zeit durch die Schweißmenge durchnäßt oder gar zerstört werden.
Andere Lokalisationen
Weniger häufig, als die bisher aufgezählten Erscheinungsbilder der Hyperhidrose, ist eine isolierte Hyperhidrose des Rumpfs oder der Oberschenkel. Einige Patienten klagen über übermäßiger Schweißproduktion im Gesicht, vor allem an der Stirn, was viele Patienten als peinlich empfinden.
* Viele Patienten leiden unter einer Kombination mehrerer oben beschriebener Erscheinungsformen.
* Die Schweißabsonderung kann plötzlich oder mehr kontinuierlich auftreten.
* Schweißattacken können durch hohe Außentemperatur oder emotionelle Faktoren (Aufregung, Streß) ausgelöst weden, oder ohne feststellbare Ursache in Erscheinung treten.
* Im allgemeinen verschlechtert sich das Bild im Sommer und bessert sich in der kalten Jahreszeit.

Behandlung

Bei der sekundären Hyperhidrose sollte in erster Linie die zugrundeliegende Krankheit behandelt werden. Patienten mit Prostatakrebs, bei denen eine hormonelle Behandlung durchgeführt wird (LHRH-Analoge) oder wurde (Kastration), können durch Verabreichung von antiabdrogen wirksamen Medikamenten (z. B. Ciproteronazetat) eine Erleichterung erfahren.

Bei Patienten mit primärer Hyperhidrose oder bei sekundärer Hyperhidrose, die durch kausale Therapie nicht auf ein erträgliches Maß reduziert werden kann, werden folgende Behandlungsmethoden angewendet. Diese können auch bei Hyperhidrosepatienten mit psychischen Erkrankungen indiziert sein, da man dadurch zumindest einen das psychische Gleichgewicht belastenden Faktor eliminieren kann.

ANTITRANSPIRANTIEN (lokale Schweißhemmer)
Im allgemeinen als erste therapeutische Maßnahme empfohlen. Die wirksamste Substanz scheint eine Lösung von Aluminumchlorid (20-25%) in 70-90% Äthylalkohol zu sein, die abends 2-3 mal pro Woche aufgetragen wird. Manche Patienten müssen die Behandlung allerdings aufgrund von zu starker Hautirritation abbrechen und, falls auch eine schwächere Lösung (10% in wässriger Lösung) nicht vertragen wird, zu anderen Methoden greifen. Diese Behandlung hat im allgemeinen eine zufriedenstellende Wirkung bei leichter bis mäßiger Hyperhidrose.
IONOPHORESE
Bei der Ionophorese werden die betroffenen Körperteile (Hände, Füße) in ein Salzbad getaucht, an das über Elektroden ein schwacher Gleichstrom zugeführt wird. Der Strom wird durch einen speziell dafür konstruierter Gleichstromgenerator erzeugt. Der Wirkungsmechanismus ist nicht genau bekannt, wahrscheilich ähnlich wie bei den Antitranspirantien, wo die nach außen führenden Kanälchen der Schweißdrüsen durch Koagulation der Proteine vorübergehend verstopft werden. Man kann diese Methode versuchen, falls man mit Antitranspirantien ungenügenden Erfolg hat. Eine Sitzung dauert ca. 20 Minuten und muß, zumindest anfangs, regelmäßig mehrere Male pro Woche wiederholt werden. Die Ergebnisse sind unterschiedlich: manche Patienten mit geringer bis mäßiger Hyperhidrose erzielen zufriedenstellende Ergebnisse, andere haben damit weniger Erfolg und halten die Methode für zu zeit- und kostenaufwendig. Sie eignet sich kaum für die Behandlung der Achselhöhlen und ist nicht einsetzbar bei Hyperhidrose des Rumpfs.
MEDIKAMENTELLE BEHANDLUNG
Es gibt keine spezifischen Pharmaka, welche ausschließlich die Schweißproduktion mindern. Psychotrope Substanzen (meist kommen Beruhigungsmittel zum Einsatz) oder Anticholinergika werden oft versuchsweise verwendet, die Behandlung wird aber von den Patienten selten toleriert, da die Nebenwirkungen meist unerträglich werden, bevor ein akzeptables Ergebnis bezüglich Schweißsekretion erzielt wird. Eine solche Therapie kann daher, in der Regel, kaum empfohlen werden. In seltenen Fällen mit vorherrschender Rumpfhyperhidrose oder bei diffuser Hyperhidrose kann ein Anticholinergikum versuchsweise mit niedriger Dosierung eingesetzt werden, was zu einer leichten Minderung der Beschwerden führen kann, ohne daß die Nebenwirkungen (trockener Mund, Akkomodationsschwierigkeiten beim Lesen, Störung der Blasenentleerung; CAVE Glaukom!) unerträglich werden.
PSYCHOTHERAPIE
Bei den allermeisten Patienten wirkungslos. Es handelt sich bei diesen Patienten äußerst selten um Menschen mit primären psychischen Problemen. Wenn vorhanden, sind psychosoziale Problematiken im allgemeinen eine Folge und nicht die Ursache der Schweißstörung. Daher haben Psychopharmaka keinen Platz in der Behandlung, und Psychotherapie kann höchstens dazu beitragen, daß der Patient mit diesem Handikap zu leben lernt.
CHIRURGIE BOTULINUSTOXIN
Toxin des Bacteriums Chlostridium botulinum, das die Schweißfreisetzung verhindert. Die Wirkung wird direkt in der Peripherie an der Schweißdrüse entfaltet. Jede Schweißdrüse erhält den Impuls zur Ausstoßung des Schweißes von einer Nervenendigung. Sobald ein elektrisches (nervöses) Signal die Nervenendigung erreicht, wird von dieser eine Transmittersubstanz (Azetylcholin) abgegeben und dadurch die Schweißdrüse aktiviert. Durch das Botulinustoxin wird die Freisetzung dieser Substanz irreversibel blockiert und die Schweißdrüse dadurch für lange Zeit stillgelegt. Erst nach Monaten, nach Ausbildung neuer nervöser Ausläufer, kommt es langsam wieder zu einer Schweißbildung.
Bei der Behandlung mit Botulinustoxin wird die Substanz in extremer Verdünnung unter die Haut gespritzt, und zwar gleichmäßig über die gesamte schwitzende Fläche, was je nach Körperregion mitunter auch 40-50 Stiche erfordert. Die Wirkung hält im Durchschnitt ca. 5-8 Monate an, wonach die Schweißproduktion langsam wieder zunimmt und nach einigen Monaten eine Wiederholung der Behandlung erforderlich macht. 5-10% der Bevölkerung spricht auf das Toxin allerdings kaum oder überhaupt nicht an (non-responders) - Hauptgrund: Vorhandensein von Antikörpern gegen das Toxin.

Der größte Vorteil dieser Methode liegt darin, daß Nebenwirkungen nicht ins Gewicht fallen, vor allem scheint kompensatorisches Schwitzen nur leicht oder kaum aufzutreten. Zudem sind Wirkung und somit auch Nebenwirkungen zeitlich begrenzt.

Nachteile sind u. a. die hohen Kosten der Substanz. Die Behandlung ist nicht von Dauer und insbesondere an Händen und Füßen ohne adäquate Anästhesie sehr schmerzhaft. Die Feinmotorik an den Händen kann für einige Zeit nach der Injektion gestört sein (Schwächung der kleinen Muskeln des Daumens/Kleinfingers). Auch im Gesicht kann das Toxin nicht ohne signifikante Störung der Mimik, wegen Lähmung der Gesichtsmuskeln, angewandt werden.

Daher scheint diese Methode vor allem für den Achselhöhlenschweiß eine Therapieform der ersten Wahl zu sein, falls konventionelle Antiperspirantien nicht genügen. Bei dieser Form der Hyperhidrose geht man immer mehr von operativen Verfahren ab. Eine Sympathektomie zur "Trockenlegung" der Achselhöhlen erfordert einen viel größeren Eingriff am Nerven als bei Hand- oder Gesichtsschweiß, was natürlich ein deutlich größeres Risiko von Nebenwirkungen mit sich führt. Botulinustoxin hingegen hat in der Achselhöhle keinerlei Nebenwirkungen und ist, insbesondere nach Vorbehandlung mit einer lokalanästhetisch wirksamen Creme, fast schmerzfrei applizierbar.


Zusammenfassend scheinen sich für eine rationelle Behandlung der schweren Hyperhidrose (kein Erfolg mit Antiperspirantien oder Ionophorese) zur Zeit folgende Methoden zu bewähren:
 - Achselhöhlenschweiß: Botulinustoxin
 - Hand- oder Gesichtsschweiß: endoskopische transthorakale Sympathektomie
 


Fragen, Mitteilungen oder Vorschläge an den Autor:

e-mail: summit@parsec.it
Dr. Ivo Tarfusser

Rennweg 52
39012 Meran (BZ), Italien
Tel +39 335 241686, +39 0473 237312
Fax +39 0473 236409


2003-02-06