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© 1995 Dr. med. I. Tarfusser
update April 1999

Schwitzen ist eine für die Regulierung der Körpertemperatur notwendige natürliche Körperfunktion. Die Schweißabsonderung wird durch einen Teil unseres vegetativen Nervensystems (das sympathische Nervensystem gesteuert. In manchen Personen (ungefär 1% der Bevölkerung) arbeitet dieses System auf einem zu hohen Niveau, weit höher als nötig wäre, um die Körpertemperatur konstant zu halten. Diese Störung wird als Hyperhidrose bezeichnet.
Bei Patienten mit primärer Hyperhidrose oder bei sekundärer Hyperhidrose, die durch kausale Therapie nicht auf ein erträgliches Maß reduziert werden kann, werden folgende Behandlungsmethoden angewendet. Diese können auch bei Hyperhidrosepatienten mit psychischen Erkrankungen indiziert sein, da man dadurch zumindest einen das psychische Gleichgewicht belastenden Faktor eliminieren kann.
ANTITRANSPIRANTIEN (lokale Schweißhemmer)
Im allgemeinen als erste therapeutische Maßnahme empfohlen. Die wirksamste Substanz scheint eine Lösung von Aluminumchlorid (20-25%) in 70-90% Äthylalkohol zu sein, die abends 2-3 mal pro Woche aufgetragen wird. Manche Patienten müssen die Behandlung allerdings aufgrund von zu starker Hautirritation abbrechen und, falls auch eine schwächere Lösung (10% in wässriger Lösung) nicht vertragen wird, zu anderen Methoden greifen. Diese Behandlung hat im allgemeinen eine zufriedenstellende Wirkung bei leichter bis mäßiger Hyperhidrose. Erhältlich in Apotheken und im spezialisierten Online-Versand.IONOPHORESE
MEDIKAMENTELLE BEHANDLUNGDie Iontophorese ist eine Technik bei der die betroffenen Körperteile von einem schwachen Gleichstrom durchflossen werden. Diese Methode kommt meist zum Einsatz, wenn mit Antitranspirantien kein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht wird.
Der Wirkungsmechanismus ist nicht vollständig geklärt, aber man vermutet, dass der Strom eine minimale Verdickung Oberflächenschicht der Schweißdrüsengänge hervorruft, wodurch die Schweißabsonderung vermindert oder gar blockiert wird. Gleichzeitig scheint die Sensibilität der Schweißdrüsenrezeptoren, die auf die Stimulation der Drüse reagieren, beeinträchtig zu werden.
Bei der Behandlung werden Hände oder Füße in Wannen getaucht, welche teilweise mit Wasser gefüllt und durch Elektroden und Kabel mit dem Generator (Iontophoresegerät) verbunden sind. Mit einem Drehknopf wird die Intensität des Stromes geregelt, bis ein leichtes Kribbeln zu verspüren ist.
Im Gesicht wird dasselbe Prinzip mittels einer dafür geeigneten Maske angewandt.Für die Achselhöhlen und andere Körperstellen gibt es spezielle Elektroden (Kissen-Elektroden - Pads) aus saugfähigem Material, die vor Verwendung in Wasser getränkt werden.
Als Flüssigkeit genügt in der Regel Leitungswasser, das ausreichend Minerale enthält und dadurch eine für den Zweck optimale Leitungsfähigkeit besitzt. Übrigens hat sich herausgestellt, dass Salzlösung eine schlechtere Wirkung auf die Schweißdrüsen hat, obwohl sie den Strom besser leitet. Ausnahmsweise kann bei extrem mineralarmen (weichen) Wasser beispielsweise ein halber Teelöffel Bikarbonat in 1 Liter Wasser gelöst werden, um die Leitungsfähigkeit zu verbessern.
Jede Behandlung dauert 15-30 Minuten und wird anfangs über einen Zeitraum von 1-2 Woche täglich oder alle zwei Tage durchgeführt, bis die Schweißabsonderung aufhört. Die Dauer der Beschwerdefreiheit ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und kann mehrere Tage bis 3-4 Wochen betragen. Sobald sich die Feuchtigkeit wieder einstellt, sollte alsbald eine Auffrischungsbehandlung durchgeführt werden. Manche Patienten wiederholen eine vorbeugende Sitzung regelmäßig einmal pro Woche.
Gleichstrom - Pulsstrom:
Die klassische Gleichstrombehandlung wird mit konstantem Gleichstrom durchgeführt. Diese zeigt besonders an den Füßen und Händen gute Wirkung. Bei gewissen Gegebenheiten löst diese Stromart bei höherer Stromstärke unangenehme Empfindungen aus, u.U. bereits vor Erreichen der für eine wirksame Behandlung notwendigen Stromstärke. Dies trifft z.B. an Stellen zu, wo die Haut sehr empfindlich ist (Achselhöhle, Gesicht usw.), bei noch so kleinen Hautverletzungen oder bei besonders empfindlichen Personen, wie z.B. Kindern.
Daher wurden Geräte entwickelt, die den Gleichstrom in pulsierender Form bestimmter Frequenz abgeben. Diese Stromart ist weniger spürbar und daher bei gleicher Stromstärke weit besser verträglich. Der Patient tolleriert eine höhere Energiemenge und kann deshalb mit einer deutlich besseren Wirkung rechnen. Leider schlägt sich dieser Vorteil in einem höheren Preis nieder.
Entsprechende Geräte sind am einfachsten über den spezialisierten Versandhandel erhältlich.
Iontophorese bei Handschweiß
Iontophorese bei Fußschweiß
Beispiele für unterschiedliche GeräteIontophorese und Arzeimitel:
Das Prinzip der Iontophorese wird verwendet, um Medikamente durch die Haut zu befördern, mit dem Ziel lokal eine hohe Konzentration und maximale Wirkung des Wirkstoffs zu erzielen. Die Methode ist besonders nützlich bei der Bekämpfung lokaler schmerzhafter und entzündlicher Zustände. Die Geräte für die Medikamenteniontophorese haben in der Regel eine schwächere Leistung, da dafür konstanter Gleichstrom (nicht pulsierend) von lediglich 5-10 mA ausreicht. Für die Behandlung der Hyperhidrose werden dafür eigens konzipierte Geräte hergestellt, die bis zu 30 mA abgeben. Allerdings kann bei unzufriedenstellender Wirkung der Therapieeffekt durch Zugabe einer geringen Dosis eines anticholinergen Medikaments (z. B. Atropin) zum Leitungswasser verstärkt werden. Eine solche Maßnahme sollte aber nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, um Toxizität durch Überdosierung zu vermeiden.
Es gibt keine spezifischen Pharmaka, welche ausschließlich die Schweißproduktion mindern. Psychotrope Substanzen (meist kommen Beruhigungsmittel zum Einsatz) oder Anticholinergika werden oft versuchsweise verwendet, die Behandlung wird aber von den Patienten selten toleriert, da die Nebenwirkungen meist unerträglich werden, bevor ein akzeptables Ergebnis bezüglich Schweißsekretion erzielt wird. Eine solche Therapie kann daher, in der Regel, kaum empfohlen werden. In seltenen Fällen mit vorherrschender Rumpfhyperhidrose oder bei diffuser Hyperhidrose kann ein Anticholinergikum versuchsweise mit niedriger Dosierung eingesetzt werden, was zu einer leichten Minderung der Beschwerden führen kann, ohne daß die Nebenwirkungen (trockener Mund, Akkomodationsschwierigkeiten beim Lesen, Störung der Blasenentleerung; CAVE Glaukom!) unerträglich werden.PSYCHOTHERAPIE
Bei den allermeisten Patienten wirkungslos. Es handelt sich bei diesen Patienten äußerst selten um Menschen mit primären psychischen Problemen. Wenn vorhanden, sind psychosoziale Problematiken im allgemeinen eine Folge und nicht die Ursache der Schweißstörung. Daher haben Psychopharmaka keinen Platz in der Behandlung, und Psychotherapie kann höchstens dazu beitragen, daß der Patient mit diesem Handikap zu leben lernt.CHIRURGIE
Patienten mit axillärer Hyperhidrose, die nicht zufriedenstellend auf Lokalbehandlung ansprechen, können erfolgreich durch chirurgische Entfernung der Schweißdrüsen in der Achselhöhle behandelt werden, am besten mittels Kürettage. Falls die Schweißsekretion sich über die behaarte Hautfläche erstreckt, sind manchmal mehrere Hautschnitte nötig. In gewissen Fällen heilen die Wunden mit verdickten und/oder schrumpfenden Narben.
- Ziel der Sympathekomie ist die Unterbrechung jener Nerven, die die Impulse zur Schweißabsonderung an die Schweißdrüsen senden. Im Prinzip könnte dadurch die Schweißbildung an der ganzen Körperoberfläche stillgelegt werden, in der Praxis ist ein solches Vorgehen jedoch nicht möglich. Angewandt wird diese Technik nur bei Hyperhidrose im Gesicht, and den Händen sowie bei Fußschweiß. Zur Behandlung von Fußschweiß ist allerdings ein etwas aufwendigerer Eingriff vonnöten (offene Bauchoperation), während die Behandlung an der oberen Extremität und im Gesicht durch eine endoskopische Operation möglich ist. Für die Behandlung der Achselhöhlen, obwohl chirurgisch möglich, wird hingegen heute dem Botulinustoxin der Vorzug gegeben. Die Therapie der Wahl bei schwerer therapieresistenter Hyperhidrose der Hände oder des Gesichts ist heutzutage ein Eingriff, der unter der Bezeichnung endoskopische transthorakale Sympathektomie bekannt ist. Es handelt sich dabei um einen sogenannten minimal-invasiven Eingriff, der in den letzten Jahren an einigen wenigen Kliniken in Europa entwickelt, verfeinert und vereinfacht wurde und jetzt endgültig die herkömmliche Sympathekomie (offene Operationtechnik mit langem Hautschnitt) ersetzt hat. Diese endoskopische Technik birgt in den Händen eines mit dem Eingriff vertrauten Chirurgen kaum Risiken und führt zu einer endgültigen Heilung in nahezu allen Fällen.- Patienten mit kombiniertem Hand- und Fußschweiß haben eine gute Chance, daß durch obige Handschweißoperation auch eine drastische Verbesserung des Fußschweißes eintritt.
- Isolierter Fußschweiß kann durch eine lumbale Sympathektomie behandelt werden, welche heutzutage vorzugsweise minimal-invasiv in Videoendoskopie durchgeführt wird (retroperitoneoskopische lumbale Sympathektomie bzw. Sympathikusblockade).
- Hyperhidrose am Rumpf oder am ganzen Körper sind für eine chirurgische Korrektur nicht zugänglich.
Toxin des Bacteriums Chlostridium botulinum, das die Schweißfreisetzung verhindert. Die Wirkung wird direkt in der Peripherie an der Schweißdrüse entfaltet. Jede Schweißdrüse erhält den Impuls zur Ausstoßung des Schweißes von einer Nervenendigung. Sobald ein elektrisches (nervöses) Signal die Nervenendigung erreicht, wird von dieser eine Transmittersubstanz (Azetylcholin) abgegeben und dadurch die Schweißdrüse aktiviert. Durch das Botulinustoxin wird die Freisetzung dieser Substanz irreversibel blockiert und die Schweißdrüse dadurch für lange Zeit stillgelegt. Erst nach Monaten, nach Ausbildung neuer nervöser Ausläufer, kommt es langsam wieder zu einer Schweißbildung.
Bei der Behandlung mit Botulinustoxin wird die Substanz in extremer Verdünnung unter die Haut gespritzt, und zwar gleichmäßig über die gesamte schwitzende Fläche, was je nach Körperregion mitunter auch 40-50 Stiche erfordert. Die Wirkung hält im Durchschnitt ca. 5-8 Monate an, wonach die Schweißproduktion langsam wieder zunimmt und nach einigen Monaten eine Wiederholung der Behandlung erforderlich macht. 5-10% der Bevölkerung spricht auf das Toxin allerdings kaum oder überhaupt nicht an (non-responders) - Hauptgrund: Vorhandensein von Antikörpern gegen das Toxin.Der größte Vorteil dieser Methode liegt darin, daß Nebenwirkungen nicht ins Gewicht fallen, vor allem scheint kompensatorisches Schwitzen nur leicht oder kaum aufzutreten. Zudem sind Wirkung und somit auch Nebenwirkungen zeitlich begrenzt.
Nachteile sind u. a. die hohen Kosten der Substanz. Die Behandlung ist nicht von Dauer und insbesondere an Händen und Füßen ohne adäquate Anästhesie sehr schmerzhaft. Die Feinmotorik an den Händen kann für einige Zeit nach der Injektion gestört sein (Schwächung der kleinen Muskeln des Daumens/Kleinfingers). Auch im Gesicht kann das Toxin nicht ohne signifikante Störung der Mimik, wegen Lähmung der Gesichtsmuskeln, angewandt werden.
Daher scheint diese Methode vor allem für den Achselhöhlenschweiß eine Therapieform der ersten Wahl zu sein, falls konventionelle Antiperspirantien nicht genügen. Bei dieser Form der Hyperhidrose geht man immer mehr von operativen Verfahren ab. Eine Sympathektomie zur "Trockenlegung" der Achselhöhlen erfordert einen viel größeren Eingriff am Nerven als bei Hand- oder Gesichtsschweiß, was natürlich ein deutlich größeres Risiko von Nebenwirkungen mit sich führt. Botulinustoxin hingegen hat in der Achselhöhle keinerlei Nebenwirkungen und ist, insbesondere nach Vorbehandlung mit einer lokalanästhetisch wirksamen Creme, fast schmerzfrei applizierbar.
Zusammenfassend scheinen sich für eine rationelle Behandlung
der schweren Hyperhidrose (kein Erfolg mit Antiperspirantien oder Ionophorese)
zur Zeit folgende Methoden zu bewähren:
- Achselhöhlenschweiß: Botulinustoxin, ev. lokale Ausschabung/Aspiration der Schweißdrüsen
- Hand- oder Gesichtsschweiß: endoskopische transthorakale
Sympathektomie
- Fußschweiß: endoskopische lumbale Sympathektomie
Fragen, Mitteilungen oder Vorschläge an den Autor:
Dr. Ivo Tarfusser
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